MED | SFU beim 26. World Congress of Psychiatry in Stockholm
Henrik Bischoff vom Institut für Psychosomatik an der Medizinischen Fakultät der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien präsentierte beim 26. World Congress of Psychiatry in Stockholm aktuelle Forschung zu problematischem digitalem Beziehungsverhalten. Im Mittelpunkt stand die Frage, welche Rolle Mentalisierung und Bindungsmuster dafür spielen, wie Menschen Nähe, Distanz und soziale Interaktion im digitalen Raum regulieren.
Vom 23. bis 26. September 2026 fand in Stockholm der 26. World Congress of Psychiatry der World Psychiatric Association (WPA) statt. Der World Congress of Psychiatry ist der zentrale internationale Kongress der WPA, die 147 psychiatrische Fachgesellschaften aus 123 Ländern und mehr als 250.000 Psychiater:innen weltweit vertritt. Der jährlichstattfindende Kongress bringt Vertreter:innen aus Forschung, klinischer Praxis und Gesundheitspolitik aus aller Welt zusammen.
Im Rahmen des Kongresses präsentierte Henrik Bischoff vom Institut für Psychosomatik der SFU Wien die gemeinsam mit Prof. Dr. Christiane Eichenberg durchgeführte Studie „Mentalization and Attachment as Predictors of Digital Dysregulation – A cross-cultural study of FoMO, phubbing, and ghosting across four regions“.
Die Untersuchung beschäftigt sich mit drei Verhaltensweisen, die im digitalen Alltag zunehmend an Bedeutung gewinnen: Fear of Missing Out (FoMO), also der Sorge, wichtige oder attraktive Erlebnisse anderer zu verpassen, Phubbing, bei dem das Smartphone während einer direkten sozialen Interaktion die Aufmerksamkeit beansprucht, sowie Ghosting, dem plötzlichen Abbruch einer Kommunikation ohne Erklärung.
Während bisherige Forschung häufig die Perspektive derjenigen untersucht hat, die geghostet oder „gephubbt“ werden, richtete die präsentierte Arbeit den Blick bewusst auf die handelnde Person. Untersucht wurde, welche psychologischen Mechanismen dazu beitragen können, dass Menschen selbst zu solchen Verhaltensweisen neigen. Als theoretischer Rahmen dienten dabei sowohl die Bindungstheorie als auch das Konzept der Mentalisierung, also die Fähigkeit, eigene und fremde mentale Zustände zu reflektieren und die möglichen Auswirkungen des eigenen Verhaltens auf andere einzuschätzen.
Grundlage der Studie war eine internationale Befragung mit mehr als 1.500 Studierenden. Erfasst wurden unter anderem Ausprägungen problematischen digitalen Beziehungsverhaltens sowie Bindungsmerkmale und Mentalisierungsfähigkeit. Ziel war es, besser zu verstehen, ob sich gemeinsame psychologische Mechanismen hinter unterschiedlichen Formen digitaler Dysregulation erkennen lassen.
Ein zentrales Ergebnis war, dass Mentalisierungsdefizite konsistent mit allen drei untersuchten Verhaltensweisen zusammenhingen. Personen mit größeren Schwierigkeiten, eigene und fremde mentale Zustände differenziert zu erfassen, berichteten häufiger entsprechende Formen problematischen digitalen Beziehungsverhaltens.
Gleichzeitig zeigten sich spezifischere Zusammenhänge mit dem Bindungsstil. Bindungsvermeidung war insbesondere mit Ghosting verbunden, während Bindungsangst vor allem mit FoMO zusammenhing. Die Ergebnisse sprechen damit dafür, dass digitale Verhaltensweisen nicht allein durch die Nutzung von Smartphones oder sozialen Medien selbst erklärt werden können, sondern auch mit grundlegenden zwischenmenschlichen Regulationsmechanismen verbunden sind.
Für Forschung und klinische Praxis ergibt sich daraus die Perspektive, Mentalisierungsfähigkeit als möglichen Ansatzpunkt für Interventionen bei dysreguliertem digitalem Verhalten weiter zu untersuchen. Gleichzeitig könnten bindungstheoretische Ansätze dazu beitragen, insbesondere wiederkehrendes Ghosting besser als Form der Regulation von Nähe und Distanz zu verstehen.
Die präsentierten Ergebnisse zeigen damit, dass problematisches digitales Beziehungsverhalten nicht ausschließlich als Nebenprodukt digitaler Technologien verstanden werden sollte. Vielmehr können entsprechende Verhaltensweisen auch Ausdruck grundlegender psychologischer Prozesse sein, die beeinflussen, wie Menschen Nähe, Distanz und soziale Beziehungen regulieren.
Bild: Henrik Bischoff bei der Präsentation der Studie „Mentalization and Attachment as Predictors of Digital Dysregulation“ beim 26. World Congress of Psychiatry in Stockholm am 24. September 2026