MED | Erinnerungen, die tief gehen: Wie affektive Berührung im Gedächtnis Spuren hinterlassen könnte
SFU-Forschungskooperation entwickelt neurobiologisches Modell affektiver taktiler Gedächtnisbildung
Eine tröstende Umarmung, ein beruhigendes Streicheln, eine Hand auf der Schulter. Solche Berührungen wirken oft weit über den Augenblick hinaus – aber wie eigentlich? Henrik Bischoff (Sigmund Freud PrivatUniversität), Federica Meconi (Universität Trient) und Laura Crucianelli (Queen Mary University of London) schlagen in einem neuen Übersichtsartikel im renommierten Fachjournal Neuroscience and Biobehavioral Reviews ein neurobiologisches Modell dafür vor. Affektive Berührung, so die zentrale These, könnte unter bestimmten Bedingungen als eigenständige Form verkörperter Gedächtnisbildung verstanden werden – mit teils bewusst erinnerbaren, teils impliziten Spuren, die unser Gefühl von Sicherheit, Bindung und Vertrauen über die gesamte Lebensspanne mitprägen.
Mehr als ein flüchtiger Moment
Dass Berührung emotional bedeutsam ist, weiß die Forschung seit Jahrzehnten. Weniger klar war bisher, wie sich solche Erfahrungen im Gedächtnis verankern. Der Artikel Memories that touch deeply: Toward a neurobiological model of affective tactile memory fragt, ob emotional bedeutsame Berührung – ähnlich wie visuelle, olfaktorische oder emotionale Erinnerungen – als eigene Gedächtnisform verstanden werden kann. Mit dem Unterschied, dass sie eine stärker körperliche und beziehungsbezogene Qualität hat.
Sensorik trifft Bedeutung
Das Modell beschreibt ein Zusammenspiel zweier Verarbeitungsrichtungen. Von unten nach oben tragen unter anderem sogenannte C-taktile Afferenzen bei – langsam leitende Nervenfasern, die besonders auf sanfte, streichende Berührung reagieren und eng mit interozeptiver, also körperinnerer, Wahrnehmung verbunden sind. Von oben nach unten modulieren präfrontale und limbische Netzwerke das Erleben durch Kontext, Erwartung, Bindungserfahrung und subjektive Bedeutung.
Eine wichtige Differenzierung, die der Artikel im Licht aktueller empirischer Befunde betont: Die bloße Aktivierung dieser Nervenfasern reicht nicht aus, um eine Berührung im Gedächtnis zu verankern. Jüngere Studien zeigen, dass selbst optimal dosierte streichende Berührung allein das bewusste episodische Gedächtnis nicht zuverlässig verbessert. Ob eine Berührung Spuren hinterlässt, hängt offenbar wesentlich davon ab, in welchem Beziehungs- und Bedeutungskontext sie erlebt wird – also etwa von wem die Streicheleinheit kommt und in welche Situation sie eingebettet ist.
Das Modell unterscheidet dabei zwischen expliziten und impliziten Spuren. Explizite Erinnerungen erlauben es, einzelne Berührungsmomente bewusst abzurufen. Implizite Spuren sind weniger greifbar, aber möglicherweise wirkmächtiger: Sie zeigen sich darin, wie sicher wir uns in Beziehungen fühlen, wie wir auf Stress reagieren, wie selbstverständlich uns körperliche Nähe ist – auch ohne uns an die zugrunde liegenden Erfahrungen zu erinnern.
Relevanz über die Lebensspanne
Aus dem Modell ergeben sich Anschlussfragen für unterschiedliche Lebensphasen. In früher Kindheit könnten konsistente, einfühlsame Berührungserfahrungen das Fundament für emotionale Sicherheit und Bindung legen. In der Adoleszenz, einer Phase ausgeprägter sozialer Sensibilität, scheint Berührung weiterhin eine Rolle für emotionale Regulation und soziales Lernen zu spielen. Im Erwachsenenalter prägt sie Beziehungsqualität, Stressregulation und Wohlbefinden – nicht nur in der Begegnung mit anderen, sondern auch durch Selbstberührung, etwa eine Hand auf dem eigenen Brustkorb in belastenden Momenten. Besonders bedeutsam wird die Perspektive für ältere Menschen und Personen mit erfahrener sozialer Isolation, für die der Zugang zu nährender Berührung eingeschränkt sein kann.
Implikationen für Therapie, Pflege und Elternschaft
Aus dem Modell ergeben sich mögliche Implikationen für Elternschaft, Pflege, Therapie und Betreuung: Konsensuelle, passende und kontextsensibel eingesetzte Berührungen könnten Stressregulation, soziale Bindung und emotionales Sicherheitserleben unterstützen. Entscheidend bleiben dabei immer Beziehung, Zustimmung, Kontext und subjektives Erleben. Auch das Erkennen von Defiziten in der Biografie – etwa anhaltender Erfahrungen oder Phasen fehlender nährender Berührung – kann in therapeutischen Kontexten relevant sein.
„Unser Modell schlägt vor, affektive Berührung nicht nur als momentanes Gefühl von Nähe oder Beruhigung zu verstehen, sondern als Erfahrung, die sich tief in körperliche und emotionale Gedächtnisprozesse einschreiben kann. Besonders interessant ist dabei, dass solche Spuren nicht immer bewusst erinnerbar sein müssen, aber dennoch beeinflussen könnten, wie sicher, verbunden oder vertrauensvoll Menschen Beziehungen erleben.“
Henrik Bischoff, Sigmund Freud PrivatUniversität, Erstautor